Nur allein oder auch einsam?

Es ist Wochenende und ich verbringe es zuhause. Es ist schönes Wetter, man könnte tagsüber was machen, am See sitzen, ein Glacé essen oder ein Bier trinken. Man könnte viel unternehmen und an Interesse fehlt es mir auch nicht. Was tue ich? Ok, ich weiss mich zu beschäftigen. Habe alles gelesen, was in letzter Zeit liegengeblieben ist, aber ausser mit der Frau an der Kasse in der Migros gestern mit niemandem geredet. Abends hab was Feines gekocht. War schön. Aber schöner wärs, sich mit anderen auszutauschen, etwas zu unternehmen. Habe mit dem Gedanken gespielt, ins Kino zu gehen aber dann dran zu denken, dass das wohl ganz viele tun, bloss nicht allein, hat mich davon abgehalten – und das sogar im Bourbaki, wo es keine Pausen gibt, die ich totschlagen müsste mit Toilettenbesuch und Flyern lesen. Ich komme mir langsam blöd vor und manchmal haut es mir auch richtig auf die Moral. Ich lasse so viel bleiben, was ich eigentlich gern tun möchte. Damit wir uns richtig verstehen. Ich bin berufeshalber viel unter Leuten, wer mich kennt, würde mich eher in die Extrovertiertenecke stecken. Ich rede gern, mag Menschen und interessiere mich für alles Mögliche. Ich habe zwar die 45 überschritten, bin aber junggeblieben, weitgereist und auch sonst kein Mauerblümchen. Irgendwie und irgendwann hat es sich ergeben, dass ich kinderloser Single wurde, obwohl das nie mein Plan war... Ich finde mich mehr und mehr allein und das Alleinsein wird immer häufiger zur Einsamkeit, denn der Unterschied ist ja wohl die Wahl, gewollt allein oder es mangels Alternative zu sein. Und das in einer Stadt, wo es so viele Menschen gibt. Ich bin gern zuhause, aber kein Couchpotato. Alleinsein finde ich etwas Schönes, das ich geniessen kann und oft auch suche. Aber eben nicht immer. Ich organisiere gern, trotzdem wär es wunderbar, auch mal gefragt oder eingeladen zu werden. Manchmal scheint es mir, als fänden mich die Leute nur, wenn sie eine Schulter zum Ausweinen suchen, einen Notnagel, wenn andere keine Zeit haben oder wenn ein Abend fern von Ehemann und Kindern ansteht. Von Meetup bis zu Parship über RonOrp alle möglichen Anläufe genommen, Kurse besucht und mich ganz oft aufgerafft, allein irgendwohin zu gehen. Oder dann die Variante, zusagen und kurzfristig Planänderung durchgeben - per what's app ja ganz einfach... Ich versuche, mich nicht in Selbstzweifel à la „was stimmt mit mir nicht?“ zu stürzen, aber manchmal geht mir schlicht und einfach die Energie fürs Mir-selber-gut-zureden aus. Klar hätte ich gern einen Partner, was ich mir aber vor allem wünsche, das sind Menschen um mich herum. Oder wie sagte schon Anna Gavalda: Zusammen ist man weniger allein. Ich weiss, ich bin nicht allein mit dem Thema, aber Herrgotthimmelnochmal, wo seid ihr denn alle, die auch allein zuhause sitzen und es gar nicht immer möchten? Wer mag was unternehmen, von Ausflug über Kino, von einfach mal tratschen bis hin zum elenden Silvesterfeiern vielleicht? Ich bin gespannt, wie ihr das Leben erlebt.

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