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Verdammt gut – KENDRICK LAMAR (48)

Kopfnickmusik – GORILLAZ

Eine Band, die es nicht gibt, macht ein Album, das keines ist. Das klingt an sich ganz vielversprechend. Damon Albarn und Jamie Hewletts Kunstprojekt Gorillaz meldet sich dergestalt mit einer illustren Schar an GastmusikerInnen nach sieben Jahren zurück. Das muss doch was ganz Grosses geworden sein? Die Gäste wurden vorallem aus dem Hip Hop und R’n’B Bereich gerufen, wie etwa Grace Jones, De La Soul und Mavis Staples aber auch Jenny Beth von den Postpunkern Savages ist mit dabei. „Humanz“ bietet 14 Songs (die Deluxe Ausgabe deren 20), die eher das Flair eines „Urban Sampler vol X“ als einer kohärenten Platte versprühen. Nicht weil ein roter Faden fehlen täte, der zeigt sich nämlich schon durch die doch sehr wiederholt gewählten Sounds, Tempi und Beats. Und Kohärenz ist in der Kunst ja auch weder zwingend noch eine Qualität an sich. Doch plätschert das Ganze bei aller Meisterhaftigkeit ziemlich unaufregend vor sich hin: Kopfnickmusik ohne grosse Überraschungen oder stilistische Wendungen. So richtig sticht nur „Busted & Blue“ heraus. Die Hibbeligkeit wird runtergefahren und Albarn übernimmt ausnahmsweise die Leadstimme in bekannter Blur Manier. Das klingt mitten in diesem leicht ziellosem Sammelsurium unverhofft erfrischend, was die übrigen Songs (oder Titeln? Kapitel? Fragmente?) noch ein weniger fader wirken lässt. Das mag aber alles auch Absicht sein: Keine Hitplatte einer Popband, sondern ein Kaleidoskop von Statements in nicht allzu verschiedenen Farben. Da wiederum fragt man sich, wozu all diese Gäste? Denn kaum eine/r kann hier wirklich mit Eigenart brillieren. „Humanz“ ist keinesfalls eine schlechte Platte, hier sind Profis am Werk, doch bleibt die Frage nach ihrer Absicht. Vielleicht kann ein Seitenprojekt sowohl der Hauptakteure und wie deren Gästen halt gar nicht anders. LIVE: 8.11. Samsung Hall Zurich, 9.11.17 Arena Geneva Marc Flury www.piratenradio.ch

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So sanft wie stark – GOLDFRAPP

Fertig mit Feinstaub-Folk! Goldfrapp entfernen sich auf «Silver Eye» wieder von der Ambient-Elektronik. Die neue Platte setzt auf kraftvolle Stampfer und goldene Ruhephasen.  Ein Monument-Moment der Pop-Musik. Gegensätze ziehen sich an: Da wäre auf der einen Seite die feine, zerbrechliche Stimme Alison Goldfrapps. Und auf der anderen die turmartigen Elektronik-Grooves ihres Soundmagiers Will Gregory. Nach dem wunderschönen Folk-Vorgänger «Tales of Us» vermehrten Goldfrapp den Drive vom Stück «Thea» und versahen die Abkömmlinge des mystischen Pumpsongs mit einer Reihe Reisszähnen. Entstanden sind Songs wie «Anymore» oder «Systemagic», die man in Dauerschleife hören könnte. Aber nein, da folgen noch acht weitere Lieder, und die sind nicht minder spannend. Rund ein Drittel der Song thematisiert den Mond als tragendes Element. Überhaupt fühlen sich Goldfrapp von Feldern wie der Elementenlehre oder Mystik angezogen, wie sie selbst in Interviews angeben. Diese Klangästhetik erinnert an Werke von Kate Bush, vermischt mit Clubattitüde. Alison Goldfrapp lässt sich aber auch  von anderen Themen inspirieren: «Become the One» wiederspiegelt ihre Gefühle für die Hauptdarsteller_in der Dokumentation «My Transgender Summer Camp»: «I’m not changing who I am, I am becoming who I am». Doch die Lyrics sind eher Skizzen denn Schwerpunkte. Letztere liegen nämlich einmal mehr in den eingangs angesprochenen Kontrasten, in diesen unglaublich tiefsinnigen, kraftvollen Synthesizer-Sphären. Mit «Silver Eye» schafft es das Duo denn auch, einen weiteren Karriereglanzpunkt zu schaffen. So fein wie fatal, so sanft wie stark, so wütend wie wunderschön. 10/10 Stoph Ruckli Piratenradio.ch

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Ready für den Sound-Sommer – JAMIROQUAI

Jamiroquai-Frontmann Jay Kay ist ein Geschäftsmann. Sieben Jahre liess sich seine Band Zeit mit dem neuen Album. Dann kommt «Automaton» pünktlich zum Sommerbeginn. Verträgt sich die Jubiläums-Platte mit dem Jay-Kay-Geschäftssinn? Auch wenn in den USA zurzeit nicht alles rund läuft, kann man den Amerikanerinnen und Amerikanern eines nicht nehmen: ihren Enthusiasmus gegenüber Musik. Egal, welche Musik. Ein guter Ed Sheeran-Song kann ebenso begeistern wie ein kniffliger Robert-Glasper-Jazz-Track. Pop und Jazz: Diese Formel vereinen auch Jamiroquai seit 25 Jahren, und dies stets erfolgreich. Funk, Soul, Jazz, Pop und Electro vertragen sich gut auf den Dancefloors. Und was in Britannien funktioniert, funktioniert in der Regel überall. Das trifft auch auf «Automaton» zu. Im ersten Moment klingt die Musik immer sehr oberflächlich und schrecklich cheesy. Doch das ist man sich gewohnt – Frontmann Jay Kay sorgt dafür, dass sowohl Nebenbei-Hörer als auch Audio-Aficionados auf ihre Kosten kommen. Für letztere enthält die neue Jamiroquai-Scheibe wieder ordentliche Schmankerl. Die fantastischen Basslinien eines Paul Turners, Derrick McKenzies unglaublich tightes Schlagzeugspiel, die funky Gitarrenriffs von Rob Harris und Matthew Johnsons Soundzaubereien – Material für stundenlange Studien. Und darüber Jay Kays samtener Soulgesang. Balladen werden diesmal jedoch beiseite gelassen; hier soll getanzt werden. «Shake It On» könnte als Einstieg nicht besser passen, worauf Jay Kay über seine Rückkehr zur Musik singt. Welch ein Groover! In dieselbe Kerbe schlagen auch Songs wie «Superfresh», «Vitamin» oder «Hot Property». Ein bisschen langsamer, aber nicht minder tanzbar geht’s wiederum mit Stücken wie «Summer Girl» oder «Nights Out In The Jungle» zu und her. Bei Jamiroquai wird das Rad nicht (mehr) neu erfunden und oftmals fährt die Band einen im Vergleich zu früheren Zeiten etwas zahmeren, sehr durchstrukturierten Kurs. Aber für einen gelungenen Sound-Sommer passt das allemal – in Europa, Asien, Amerika und überhaupt überall. 8/10 Stoph Ruckli Mehr Musiknews auf Piratenradio.ch - wir kriegen euch alle!

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Facettenreichtum – NEXT STOP: HORIZON

Das Göteborger Duo hat allerlei analogen Synthie-Krempel und einen waschechten Casio CZ-1000 gebunkert und sich mit diversen Gastmusikern zusammengetan. Et voilà: das Resultat heisst „The Grand Still“ und ist ein famoses Stück IndieKammerZirkusWaltzer-BalkanfolkloreCabaretSwingRock . Pär Hagström und Jenny Roos sprudeln nur so vor Kreativität: Drei Jahre sind seit dem letzten Album „The Harbour My Home“ in die Jahre gezogen und es ist kaum zu glauben, was die zwei Tausendsassas in der Zeit alles auf die Beine gestellt haben. Nebst touren mit dem Album im Gepäck fanden sie noch die Zeit für ein sehr erfolgreiches musikalisches Engagement am Staatstheater Saarbrücken, wo sie an Christoph Diems Inszenierung von „Der standhafte Zinnsoldat“ mitwirkten. Und weil Freude und Erfolg nicht ausblieben schrieb Pär auch gleich noch die Musik für ein weiteres Theaterstück, Daphne du Mauriers „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Und eben: irgendwie blieb auch noch Zeit um an neuen Songs für das nächste Next Stop: Horizon Album zu werkeln und allerlei analoges Equipment anzuhäufen. Wie schon früher hört man auch den neuen Songs die Liebe zu Theater und Varieté an. Zwar geht der Opener „Everyone’s Earthquake“ noch als flotter Popsong durch, der eine für die Band ungewohnt locker, flockige Richtung einschlägt. Nur noch bedingt schubladisieren, lässt sich das meiste was danach kommt. Es ist ein fein abgestimmtes Potpourri aus  Synthie-Pop, Balkangedöns, Folkrock, Soul, Kammermusik und eben: Cabaret-, Varieté-, und Zirkusluft. Dieses Album bietet einen Facettenreichtum der für (fast) alle Lebenslagen etwas bereithält. Sehr schön! 8/10 Kaspar Hunziker www.piratenradio.ch

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Vielfalterfreak - RIO

Rio, das ist der aktuell heisseste Red Brick Chapel-Label-Trend. Rio, das ist ein Multiinstrumentalist, wie man ihn selten findet. Rio, das ist Mario Hänni – und Mario Hänni ist verdammt gut. Die Schweiz ist, obwohl sie stets der Neutralität verpflichtet war, ein Land der Extreme. Und doch ist sie es eben genau nicht. Das kommt ganz auf die Betrachterschaft drauf an. Sich selbst abfeiern oder am besten alles überkritisch runterhaten? Leise Musik machen oder laute? Zürich oder Aargau? Am besten beides, sagte sich Rio. In seinem Blickpunkt steht die Brüderlichkeit. Er vereint R’n’B und Radiohead, Dylan und Dub, Indie und Innovation. Kein Wunder: Mario Hänni, wie der Musiker richtig heisst, ist ein Vielfalterfreak. Er taucht bei Electro-Souler Pablo Nouvelle, Folk-Revoluzzer The Fridge sowie den Alternative-Hip-Hoppern Hanreti hinter den Töpfen auf und groovt wie kaum ein Schlagzeuger sonst. Er singt und spielt Saiteninstrumente bei Mnevis und Beatie Bossy (die weltweit beste Beastie-Boys-Coverband). Oder er performt Neo-Free-Improvisation beim Trio Heinz Herbert. Allesamt grandiose Formationen. Allesamt zu finden bei Rio. Und doch klingt Rio ganz eigen. Radiohead wäre ein Vergleich, vielleicht Dylan, Bon Iver,  oder schlicht Indie? Independet, unabhängig ist nicht automatisch gleich innovativ. Wenn Hänni kommt, kommt aber die Innovation. Die Musik ist unglaublich schön, sie ist nachdenklich, sehnsüchtig, sie wird getragen von Rios einzigartiger Stimme. Mit «The Knife» befindet sich ein veritabler Tanz-Hit auf der Debütplatte, «Free Willy» irritiert und fasziniert durch seinen abruptem Abbruch inmitten einer unglaublich schönen  Atmosphäre und «Silver Morning» lässt sogar jazzige Anleihen zum (Aus)Zuge kommen (Hänni ist ausgebildeter Jazzschlagzeuger). Nach 23 Minuten ist die unglaublich vielfältige, stringente Rio-Reise jedoch schon wieder vorbei. Doch keine Sorge: Dieser Mann muss ohnehin unbedingt live erlebt werden. Wie löst der Schweizer Multiinstrumentalist hierbei das Bandproblem? Ein jeder und eine jede möchte doch mitspielen. Ein Kollektiv? Eine Red Brick Chapel-Superband? Für den Anfang wählt Mario Hänni den idealen Mitmusiker, ebenso talentiert wie trainiert: Bruder David Hänni bildet den Duopartner. Den perfekten Duopartner! Was groovt besser als zwei Multiinstrumentalisten mit Familienband-Erfahrung? Mehr mitten drin geht gar nicht. Brotherlove! 10/10 Stoph Ruckli www.piratenradio.ch

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Wohlstands-Bequemlichkeit

Auge um Auge, Hype um Hype. An der Front der Clubbühnen, werden die Fusssoldaten des Synthie-Sounds praktisch im Wochenrhythmus verbraten. Derweil es sich die englischen Electropop-Generäle in der Teppichetage bequem machen. Zu bequem? Stadiontournee statt Frühpension: Wenn es gilt, Arenen wie den Zürcher Letzigrund zu füllen, muss der Nachwuchs einpacken – vor den wieder- oder weiterhin vereinten Klassikern, diesen Sommer gastieren Robbie Williams, Guns’n’Roses und: Depeche Mode! Mit Konzerten sichern sie ihre Rente. Und für Konzerte braucht es einen Anlass, zum Beispiel ein frisches Album. Skepsis schien im Fall der Letzteren angebracht, angesichts der Vorzeichen: Mr. Gahan jammert im Clip „Where’s the Revolution“ über die Lethargie des Wohlstands, beschwört den Aufstand von unten und erinnert dabei (tschuldigung, Dave) nicht nur optisch an U2-Bono. Solche Spitzfindigkeiten stampft „Spirit“ jedoch mit maschinell unterkühltem Beat ziemlich bald in Grund und Boden. Die Soft-Goth-Halbgötter flirten mit der Apokalypse, frönen der epischen Untergangsmusik, welche ihre Jünger erwarten. Sie zeichnen ein Weltbild in Grautönen, in welchem der Optimismus ein Schattendasein fristet. Natürlich, zwischen Galgen und Gewehren, Abgründen und Trostlosigkeit kommt auch die Liebe zur Sprache. Ohne dass jedoch der Tonfall ändert. „I will surround you with my love“, presst Dave Gahan einmal heraus. Es klingt wie eine Drohung. Also, routiniert saubere Büez, frei von Überraschungen, fern von Wohlstands-Bequemlichkeit. Wer die 13 bisherigen DM-Platten hortet, kann „Spirit“ getrost hinter „Delta Machine“ einordnen. Und im Regal schon mal Platz für Nummer 15 frei lassen. 6/10 LIVE: 18.6. im Letzigrund Zürich Marco Rüegg www.piratenradio.ch

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TRENTEMØLLER: im Kaufleuten

Er ist wohl Dänemarks gefragtester Export seit der Polizeistation von Lego, zumindest für Fans von Electronica. Und auf der Bühne wird aus dem Studiotüftler und Soundästheten Trentemøller darüber hinaus ein entfesselter Live-Act, der so manche Rockband in die Tasche steckt. „The Last Resort“ von Trentemøller ist für Fans von anspruchsvoller elektronischer Musik das, was „Last Resort“ für die letzten fünf übriggebliebenen Anhänger von Papa Roach ist: ein absoluter Triumph und fester Bestandteil einer jeden guten Playlist. Vor etwas mehr als zehn Jahren erschien das Debütalbum von Trentemøller, der seither seinen schwelgerischen Sound mit sanftem 80s Einschlag stetig weiterentwickelte und in immer höhere Sphären überführte. Und so passte es wie die Faust aufs Auge, oder das „Enjoy“ aufs „the Silence“, dass der Däne 2013 auch Depeche Mode auf ihrer grossen Welttournee begleitete. Ebenfalls als Komponist für TV und Film hat sich der Multiinstrumentalist inzwischen einen Namen gemacht, doch wer befürchtet, dass er bei Konzerten nur hinter einem Apparat steht und Knöpfchen dreht, kann aufatmen: Seine musikalischen Anfänge machte der inzwischen 42-Jährige in diversen Indie-Rock-Bands seiner Heimat Kopenhagen und versteht es noch immer ausgezeichnet, eine aufpeitschende Show fürs Publikum abzuziehen. So auch am 21.2., wenn Trentemøller mit seinem neuen Album „Fixion“ im Kaufleuten spielt. Tickets gewinnen auf Facebook LIVE: 21.02. Kaufleuten Zürich Mehr News und Verlosungen auf Piratenradio.ch

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Faust in die Fresse: THE XX

Ein Kaltstart als Auftakt zur dritten Platte: Auf „I See You“ deuten The XX an, dass sie stilistisch mehr können, als den kargen, todtraurigen Kuschelsound, für den wir sie doch so mögen. Zum Glück belassen sie es bei der Andeutung . 50 Monate Warten, und dann Faust in die Fresse: Eine kräftige Bläserfanfare brätscht uns ins Gesicht, die überläuft in zügigen Dancebeat. „Dangerous“ eröffnet den Nachfolger zu „Coexist“ (2012) in verstörender Manier – es scheint, als überrumple der ungewohnt offensive Sound sogar Romy Madley und Oliver Sim. Deren Stimmen wirken inmitten der tanzbaren Opulenz so unbeholfen wie Ü30er, die sich an eine Maturaparty verirrt haben. In der Folge drosselt das mixende Mastermind Jamie „XX“ Smith sein Bollwerk und das britische Trio schippert in bewährt-beliebte Lo-Fi-Fahrwasser. Wobei es sich da durchaus vorwärts bewegt hat. Gitarren- und Bassgefrickel machen oft dem Sphärischen Platz. Und wenn Smith seine Arrangements subtil aufzieht, gelingen zum Sterben traurig wunderbare Lieder wie „Lips“ oder „Replica“, wo sich das wechselsingende Duo Madley/Sim dem Melancho-Flow hingibt und zu einer Stafette der Rührseligkeit aufläuft. Okay, „Performance“ gerät etwas gar lahm, und „On Hold“, der zweite etwas zurückhaltendere Ausbruch auf den Dancfloor, trägt eher weniger zum stimmigen Gesamtwerk bei. Vielleicht am repräsentativsten für das Thema der Platte – Freundschaft – steht dafür „Brave For You“: Für die angesprochene Person, haucht Madley, tue sie „the things I’m afraid to do.“ Wie eben zum Beispiel: Discomusik… 6/10 LIVE: 18.2., St. Jakobshalle Basel Marco Rüegg Piratenradio.ch

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Kaleidoskopische Orgie: THE FLAMING LIPS

Konfetti, Kostüme, Psychedelik in Cinemascope, wirrer Krach und Pophits von jenseits Rigel und Beteigeuze? Das kann nur eines heissen: The Flaming Lips sind da! Ende der 1980er Jahre waren sie die verschrobenen Indie Darlings, ab den 1990ern mauserten sie sich zu den Klassenbesten im Psychedelischen Rock. Verwurzelt in der Lo-Fi Ästhetik, dachten sie weit über jede Indiedogmen raus und machten nie einen Hehl aus ihrer Verehrung für die in Indiekreisen verschmähten klassischen Progbands wie Genesis und Pink Floyd. Als unvereinbar Gehaltenes zu verwursteln bringt nicht selten grosse Kunst hervor. Nun ihr neues Album „Oczy Mlody“: Titelgebend ist laut Bandkopf Wayne Coyne die Glückspartydroge der Zukunft, unter welcher wir alle auf Einhörner rumvögeln. Nicht die schlimmste der letzten Aussichten. Als Hauptdarsteller im Soundtrack dazu hören wir cheesy 80er Drumcomputer und die wohl fettesten Synthesizerbässe, die je auf einer Platte zu hören waren. Höre „Nigdy Nie“ oder „There Should Be Unicorn“. Nur selten schrabbelt sich eine Gitarre durch. Darüber legt Wayne Conye seinen sphärisch schwärmerischen Gesang zwischen kindlicher Naivität und herzlichen Dringlichkeit. Ein Zampano der Melodien war er schon immer, und die kommen hier einmal mehr grandios geballt. Wie all ihre Vorgänger ist die neue The Flaming Lips ein seltsames Monstrum geboren aus souveränem Gagaismus. Im ersten Anschein ein zugängliches Popalbum, flirren und tüüten und albern da plötzlich ihre typischen Klangkapriolen rum. Und immer wieder diese meisterhaften Melodien und abenteuerlichen Songstrukturen. Hätte es der gute Syd Barrett ins 2017 geschafft, würde er hier garantiert sowas von wohlgemut mitkrümeln. Am 31. Januar kommen sie ins Volkshaus zu Zürich und da erwartet uns ein Fest für alle bewussten und unbekannten Sinne. Eine kaleidoskopische Orgie in Lärm und Licht, verpackt in grossartigste Songs. Musik für Transzendente Massagen im Spacecamp 10/10 Von Marc Flury LIVE : 31.1.17 Volkshaus Zürich www.piratenradio.ch

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Geniestreich: A TRIBE CALLED QUEST - We Got It from Here... Thank You 4 Your Service

Obwohl die New Yorker Legenden A Tribe Called Quest mit «The Love Movement» ihren Abschied verkündeten, führten die aktuellen Geschehnisse die Gruppe noch einmal zusammen. Entstanden ist eine Platte, die zwischen Wehmut und Genialität einen letzten Höhepunkt darstellt. 13. November 2015. In Paris stürmen Terroristen ein Konzert im Bataclan-Theater und töten 90 Menschen. Zum gleichen Zeitpunkt treten in Amerika die Hip-Hop-Pioniere A Tribe Called Quest bei einer TV-Show auf und legen den Startpunkt zu einer letzten Albumproduktion. Die politische Brisanz, die Wut und das Verarbeiten all dieser Vorkommnisse, egal ob the Donald in Amerika oder das Black Movement finden denn spürbar Platz auf dieser einen letzten Scheibe. Und sorgen für einen Geniestreich, wie ihn nur A Tribe Called Quest hinbekommen können. Das Album ist gleichzeitig auch ein letztes Vermächtnis von Phife Dawg, der während der Aufnahmen an Diabetes starb. Musikalisch findet sich eine feine Kombination aus Jazz, Rock, Funk und überhaupt Elementen aller Musikstile, gepaart mit fetten Beats und feisten Basslinien, darüberstehend die einzigartigen Vocals von Q-Tip und Co. Eine illustre Gästeschar, bestehend aus Namen wie Elton John, Jack White, Kendrick Lamar, Anderson Paak, Busta Rhymes oder André 3000 rundet das Musikbild gelungen ab. Alles in allem ist «We got it from Here... Thank You 4 Your Service» eine Platte, die ein letztes Mal alte Zeiten aufleben lässt, aber auch der kritische Kick aus der Vergangenheit an die Zukunft sein könnte: «Wir haben gemacht. Jetzt seid ihr dran: Tut es, seid kritisch, macht was!» 10/10 Stoph Ruckli Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Sie machen wieder was sie am besten können: METALLICA - Hardwired...To Self Destruct

«Zurück zu den Wurzeln» ist ein Running Joke im Musikgeschäft. Eine stockende Karriere, kreativer Stillstand oder die wiederentdeckte Lust an der ursprünglichen Freude, jede Band verkündet diesen Schritt mindestens einmal im Karriereverlauf. Was auch immer Metallica zu diesem Album bewogen hat, Freunde ihrer 1980er Alben sollten an «Hardwired... to Self Destruct» ihren Spass haben. Metaller sind ein eigenartiges Volk, geprägt von Rebellentum und tiefsitzendem Konservativismus. Metallicas kommerziell erfolgreichstes Album, das schwarze Namenlose, gebar dazu den neuen Typus Feierabendmetaller. Bis dahin schüttelten ausnahmslos picklige Teenager in Jeans und Shirt ihre stolz gewachsene Haarpracht zum Gitarrenbrett, doch seit «Enter Sandman» wippen auch Banker und Computerspezialisten nach einem harten Tag im Büro mit. Es folgten einige Alben, die entweder stilistisch oder klanglich die alten Fans verbrämten. Metallica verwandelten sich von den ungepflegten Königen des Trash Metals zu den Lieblingen des «Ich hör auch mal was Hartes»-Mainstreams. «Hardwired...» kann tatsächlich als Rückkehr zum - wenn auch sauberst für die Masse produzierten - alten Geist aufgenommen werden. Hier wird von Beginn ein knochentrockenes Brett gefahren. Nix da mit «Nothing Else Matters», keine Duette, keine Symphonien. Silistisch fällt höchstens «Dream No More» etwas aus dem Rahmen. Das Tempo wird hier leicht zurückgefahren und der Groove und Hetfields Gesang erinnern an den Spätgrunge von Alice In Chains. «Atlas, Rise!», «Moth In Flame» und besonders «Spit Out The Bone» und «Lords Of Summer» sind aber die Eckpfeiler des neuen alten Metallica Sounds. Letzterer Titel ist nur auf der dritten CD der Deluxe Version zu finden. Diese bietet neben ein paar Coverversionen (erwähnenswert: das Ronnie James Dio Medley) noch einen Live Gig von 2016, konsequenterweise mit einigen Songs ihrer ersten beiden Alben. Innovativ ist das alles nicht, aber wer innovativen Metal sucht, findet den bei zig anderen Bands. Metallica machen wieder was sie am besten können und was ihre schier verlorenen Fans seit immer wollen. 8/10 Marc Flury Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Ein Rückblick auf vermeintliche oder tatsächliche Klassiker: AMY WINEHOUSE - Back to Black

Vor zehn Jahren erschien das letzte reguläre Album von einer Sängerin, die in den Folgemonaten eine persönliche Abwärtsspirale vollzog und schliesslich 2011 viel zu früh 27-jährig verstarb. «Back To Black» markierte jedoch den kreativen und kommerziellen Höhepunkt von Amy Winehouse, die drei Jahre zuvor mit «Frank» ein intimes, viel versprechendes Debüt vorlegte. Schon dort war zu hören, was Amy Winehouse ausmachte und wofür man sie noch lange nach ihrem Tod in Erinnerung behalten würde: eine grandiose Soulstimme und sehr viel Herzschmerz. Diese beiden Faktoren erzeugten eine Mischung, die auch auf «Back To Black» in einem beschwingteren, poppigeren Kleid nichts an Zauber verlor. Dem R&B-Sound der Sechziger verpasste Produzent Mark Ronson einen neuen Anstrich, spätere stimmgewaltige Künstlerinnen nutzten die Blaupause von «Back To Black» für den Startzünder der eigenen Karriere, die den Erfolg von Amy übertraf (Adele) oder nach wenigen Monaten bereits wieder verpuffte (Duffy). 13 Wochen lang stand «Back To Black» auf Platz 1 der europäischen Albumcharts, räumte unter anderem an den Brit- sowie Grammy-Awards ab und belegte 2012 auf der Rolling Stone Magazine Liste «500 Greatest Albums of All Time» Platz 451. Dass die Aufnahmen tatsächlich den Test der Zeit überstehen werden, scheint zehn Jahre später zweifellos: Hit-Singles wie der Album-Opener «Rehab» haben nichts von ihrer Wirkung verloren, wenngleich der Song nach Amys Schicksal rückblickend umso bitterer klingt. Auch der von Ronson aufpolierte Neo-Soul-Sound mutet nicht wie ein Gimmick an, dessen Lack mit der nächstbesten musikalischen Modeströmung zu verblassen droht (The Pipettes, we're looking at you!). Und so bleibt «Back To Black» das definitive Statement einer Ausnahmekünstlerin, die von den traurigen Storys ihrer Songs leider allzu schnell eingeholt wurde. Michael Rechsteiner Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Depression und Panikattacken haben Justin Vernon das Leben schwer gemacht: BON IVER in Zürich

Nach fünf langen Jahren kehren - oder besser kehrt? - Bon Iver zurück. Mal abgesehen von der Verwirrung, ob man das Projekt als Justin Vernon oder eine ganze Band ansieht, ist «22, A Million» der Herbsthit schlechthin. Einem guten Winter steht also nichts mehr im Wege. Depression und Panikattacken haben Bon Iver-Kopf Justin Vernon das Leben schwer gemacht. Daraus resultierend entstand nach fünf langen Jahren die Platte «22, A Million». Und einmal mehr beweist Vernon, warum er zu den aktuell wichtigsten Musikern unserer Generation gehört. Einerseits stösst er der Hörerschaft mit intensivem Vocoder- und Elektronik-Gebrauch vor den Kopf: Das ist kein Album mehr, das in einer Jagdhütte produziert wurde. Andererseits flackert immer wieder der traumhaft schöne Bon Iver-Spiritus auf; Melodien und Innovation in Reinessenz. So kann man Justin Vernon neben Sufjan Stevens wohl aktuell als den spannendsten Neo-Folk-Barden sehen, der auch beim Tracknaming neue Wege geht: Die kryptisch betitelten Stücke heissen beispielsweise «33 "GOD?"» oder « ____45_____ » und stehen für einen riesigen Prozess an Konzeptionsarbeit - wie diese verlaufen ist, erklärt Vernon wohl am besten selber; beispielsweise am 25. Januar im jüngsten Schweizer Konzertort, der Samsung Hall in Zürich. Auch da beschreiten Bon Iver also neues Terrain. Das wird ein guter Winter. LIVE: 25.01.2017 Samsung Hall Dübendorf Stoph Ruckli Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Auf den Punkt gebrachtes Songwriting: PIXIES - Head Carrier

Die Pixies melden sich zurück. 12 verschrobene Rockperlen finden sich auf dem neuen Album «Head Carrier» als wäre es wieder 1991. Doch ist das mehr als Fanservice, sondern unverwüstliche Qualität. Der titelgebende Opener "Head Carrier" fegt gleich alle Zweifel weg. Die Formel ist immer noch dieselbe: Auf den Punkt gebrachtes Songwriting zwischen Popästhetik und Punkgerumpel. Wer dies so beherrscht wie die Pixies, soll auch zu nichts anderem gezwungen werden. Deswegen gelten die Pixies als Vorzeigeband des US-Indierock, doch war und ist bei ihnen stets eine britische Poppunkattitüde auszumachen. Verschmitzte Exzentrik und Zurückhaltung bei Instrumentalkapriolen sind ja eher auf der Insel zu finden als im handwerkorientierten Amirock. Gerade "Talent" würde auf keinem Stranglers Album daneben klingen. Nicht wenige englische Grössen wie David Bowie, PJ Harvey und Radiohead outeten sich als grosse Fans. Ihr Einfluss in den Staaten war natürlich nie geringer. Fragen Sie Kurt Cobain und Bob Mould. Die Originalbassistin Kim Deal galt als Genreikone und Rollenbild, wurde aber 2014 ersetzt durch keine Geringere als die grossartige Paz Lenchantin. Deren Portfolio kann sich hören lassen. Sie spielte bei A Perfect Circle, Billy Corgan's Bandprojekt Zwan, Melissa Auf Der Maur und arrangierte Streicher für die Queens Of The Stone Age. Wie passt soviel Indierockgeschichte aber noch im 2016? "Head Carrier" beweist, dass Qualität zeitlos ist. "All I Think About Now" oder "Bel Esprit" passen ins Handy genauso wie damals "Debaser" oder "Monkey Gone To Heaven" in den Walkman. Die Pixies Ausgabe 2016 ist die Zuflucht für alte und neue Indierockmüde und das ist mehr als Willkommen. 10/10 Marc Flury Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Ein Rückblick auf vermeintliche oder tatsächliche Klassiker: THE KILLERS - Sam's Town

Oktober, 2006: Die Musikwelt beseufzt die endgültige Schliessung der New Yorker Punkwiege CBGB's und wundert sich über das zweite Album von The Killers. Zwei Jahre zuvor fügte sich deren Debüt «Hot Fuss» nahtlos in das Revival jener «Skinny Jeans & Chelsea Boots»-Rockbands ein, deren Musik die Mädchen zum Tanzen brachte. Ein Rückblick auf einen Klassiker: Mitgröhl-Hymnen wie «Somebody Told Me» und «Mr. Brightside» etablierten sich in der Indie Disco zwischen den Songs von Franz Ferdinand, Maxïmo Park oder den Kaiser Chiefs. Mit ihrem Erfolg bewiesen die amerikanischen Killers auch, dass die new wave of New Wave Rock längst kein Brits only Ding war - gemeinsam mit Acts wie den Yeah Yeah Yeahs, The Bravery oder VHS or Beta. Und eigentlich war die Party noch immer im Gang, als sich The Killers dazu entschlossen, ihrem Sound eine dicke Spritze Americana einzuflössen. Plötzlich waren die Vorbilder nicht mehr XTC, New Order und The Clash sondern Bruce Springsteen, Tom Petty und Bob Seger: Heartland Rock, ausgerechnet aus der Glitzerstadt Las Vegas, wo niemand jemals schläft - ganz besonders nicht der Typ, der das «All the shrimp you can eat»-Buffet auffüllen muss. Natürlich waren da noch immer Restspuren von Synthies und Discokugel, doch insbesondere ganz viel davon, wofür man The Killers in den kommenden Jahren lieben oder verspotten würde: Ungenierter Pomp und Pathos und Songtexte, deren Allegorien manchmal etwas gar schief in der Landschaft stehen. «Sam's Town», benannt nach einem der unglamouröseren Hotelcasinos der Killers'schen Heimat, wurde zwiespältig empfangen. Der Rolling Stone zerriss das Album hämisch in der Luft, gleichzeitig wählte seine Leserschaft 2009 das Werk zum «most underrated album of the decade». Mit dem vorsichtshalber angefügten «one of the» kann man sich diesem Urteil nur anschliessen. Aus dem etwas halbherzig aufgesetzten Konzeptformat des Albums bersten grossartige und zeitlose Songs wie «When You Were Young», «For Reasons Unknown», «Uncle Johnny» und «Read My Mind» - eine Hit-Dichte, welche auch dem viel gelobten Vorgänger abging und die nachfolgenden Werke nicht mehr erreichen würden. Ebenso setzten The Killers mit der Brucespringsteefizierung von «Sam's Town» auf den richtigen Mustang. Kollegen wie Kings of Leon taten es ihnen gleich, zeitgenössische Kritikerlieblinge wie The War on Drugs oder Strand of Oaks brausen heute musikalisch ähnliche Pfade ab. The Killers (und Frontmann Brandon Flowers mit seinen Solo-Projekten) verfuhren sich dagegen auf folgenden Alben öfters an einen überkitschten Ort namens Coldplayville, was die Geister, die sich einst an «Sam's Town» schieden noch weiter auseinandertrieb. Wie die Reise weitergeht, wird hoffentlich schon bald zu hören sein: In einem Interview mit dem DIY Magazin kündigte Drummer Ronnie Vannucci Jr. an, dass die Band aktuell mit den Aufnahmen ihres fünften Studioalbums beschäftigt ist. Es wird hoffentlich klingen wie damals, when they were young. Michael Rechsteiner Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Es macht es schlicht Spass, diesen hochtalentierten Musikerinnen zuzuhören: WARPAINT - Heads Up

Warpaint machen Tanzmusik! Richtig gelesen: Das in Kalifornien angesiedelte Quartett kehrt dem Dream-Pop den Rücken zu. Oder zeigt ihm zumindest die kalte Schulter. Und zieht dafür glänzende Tanzschuhe an. Fans der vier Frauen haben es bereits befürchtet: Die neue Platte wird bestimmt nicht den Weg ihrer Vorgängerin gehen. In der Pause zwischen Touren, Songwriting und Co. haben sich Warpaint auf verschiedene Projekte konzentriert, arbeiteten beispielsweise mit Kurt Vile oder Sarah Jones von Hot Chip zusammen. Im Zuge dieser «Auszeit» entstand der Wunsch, wieder schneller Songmaterial ohne grosse Analyseprozesse  zusammenzustellen; gesagt, getan, in gerade einmal vier Monaten war «Heads Up» ready. Die Songs sind insgesamt eine gute Portion dunkler, elektronischer und rhythmischer, ohne den typischen Charakter der kalifornischen Combo vermissen zu lassen. Besonders Schlagzeugerin Stella Mozgawa streicht hierbei einmal mehr ihr grosses Können hinter den Kübeln hervor. Egal ob schräge Latin-Patterns, harte Hip-Hop-Grooves oder schwere Disco-Beats, überall bringt die gebürtige Polin ihre Note ein. Überhaupt macht es schlicht Spass, diesen hochtalentierten Musikerinnen zuzuhören. Man lasse sich nicht vom schwerfälligen Start irritieren: Ab New Song geht die Post ab - was den Hardcore-Fans nicht gefallen mag, wird spätestens dann eine neue Anhängerschaft erschliessen. 8/10 Stoph Ruckli Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Über zehn Jahre haben die Australier für das neue Album gebraucht: THE AVALANCHES - Wildflower

Man startet in der Stadt und erlebt einen Road Trip zum Meer, in die Wüste oder aufs Land - und das alles auf Acid. Besser als Robbie Chater kann man den Zweitling seiner Band The Avalanches nicht beschreiben. Doch ist Wildflower wirklich guter Stoff oder nur gestreckter Mis t? Über zehn Jahre haben die Australier von The Avalanches gebraucht, um ihr Zweitlingswerk zu basteln. Mit Ausnahme zweier Gründungsmitglieder ist in dieser Zeit die ganze Band abgesprungen und die Welt hat sich eine ordentliche Runde gedreht. Unvergessen das geniale Debüt «Since I Left You», ein Meilenstein der australischen Musikkultur mit über 3500 verwendeten Samples. Überhaupt lässt sich die Band - die Produzentenschar - stark von der Heimat inspirieren. Deren Fülle an Einflüssen kann aber auch die Orientierung verlieren lassen und in ödes Niemandsland manövrieren. Auf «Wildflower» ist das zwar nicht der Fall, aber doch hat der Sound im Vergleich zum Vorgänger Charme eingebüsst. Manchmal wabern die Songs etwas belanglos vor sich hin. Zum Glück gehören die Kollaborationen mit MF Doom oder Danny Brown nicht zu jenen faden Parts. Doch selbst auf einem Road Trip kann's halt manchmal langweilig werden - man vermisst einen Überhit-Hit à la «Frontier Psychiatrist» oder «Since I Left You». Von der Grooveschiene scheinen The Avalanches jedoch ohnehin abgekommen zu. Der Gesamtschnitt erinnert eher an psychedelische Phasen der Beach Boys oder Beatles, von denen sich die Band bekennend inspirieren lässt. Und klar muss man betonen, dass «Wildflower» im ganzen Strudel belangloser Musik definitiv zu den besseren Platten gehört. Aber The Avalanches können es besser. Und wenn man vernimmt, dass sich der Sound ursprünglich gar Richtung Ambient entwickelt hat... Dann gibt's nur noch eins: Ab in die Drogen! 8/10 Stoph Ruckli Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Eine stolze Versammlung, ein Querschnitt durch die aktuelle CH-Szene: MANI MATTER - Und So Blybt No Sys Lied

Grüessech, Mani Matter! Wir feiern dich, wiedermal. Zu deinem 80. Geburtstag stehst du sogar zuoberst in der Hitparade. Da du selbst nach deinem tödlichen Crash nicht mehr kannst, singen jetzt halt andere deine Lieder. Auf äusserst vielseitige Weise. Deine Hinterbliebenen gehen gäbig liberal mit deinem Nachlass um: Wer sich daran versuchen möchte, darf das in der Regel. Ist ja eh längst nationales Kulturgut. Und dies ist nicht die erste (du weisst schon, «Matter Rock») und wohl kaum die letzte Sammlung von Matter-Neuinterpretationen. Der Bärenanteil der 20 Künstler stammt aus den Grossräumen Bern und Zürich. Sie knöpfen sich Klassiker vor, «Hemmige» etwa, das sogar die Franzosen mitsingen, gibt es in etwas sperriger Ausführung von Max Urban. Dann ein überraschend holpriges «Warum syt dir so truurig» von Steff la Cheffe, ein spätsommerlich groovendes «Die Strass.» von Noti Wümié. Und «s'Lotti» origineller Weise in Japanisch von Tim & Puma Mimi. Andere entstauben Lieder aus der zweiten und dritten Reihe, Boni Koller & Tobi «Bonaparte» Jundt etwa nehmen sich «Eine vo de beschte Lüt» zur Brust, Evelinn Trouble verknorzt «Alls wo mir i d Finger chunt». Eine stolze Versammlung, ein Querschnitt durch die aktuelle CH-Szene also, von B(aze) bis Z(eller, Beat aka Reverend Beatman). Und so unterschiedlich die Beiträge, so vereinen sie sich in einem: Keinen möchte man dem Minimal-Genial-Original des Urhebers vorziehen, deinen profanen Akkorden und deiner deutlichen Akzentuierung. Wir hören hier Acts, die früher oder später wohl alle aus dem kollektiven Bewusstsein schwinden werden. Aber deine Lieder, Mani (ich darf doch «du» sagen?), die werden bleiben. Marco Rüegg Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Von dieser Frau werden wir noch viel hören: LAURA MVULA - The Dreaming Room

Wenn das Debütalbum eines angepriesenen Genies floppt, was passiert dann? Laura Mvula hat ihre Antworten auf diese Frage gefunden. Nach zahlreichen Nebenprojekten kehrt sie mit «The Dreaming Room» zurück - stärker und selbstbewusster denn je zuvor. Die Quintessenzen der neuen Platte der Britin mit karibischen Wurzeln heissen «Overcome» und «Phenomenal Woman». Ersteres Stück ist ein chicer Discoknaller mit gitarristischer Unterstützung von Disco-Gott Nile Rodgers. Zweiteres ein sagenhafter Afro-Funk-Hit mit emanzipatorischen Ansätzen: Der Song basiert auf einem Gedicht von Maya Angelou und beschreibt die Schönheit einer Frau, die schlicht zu ihrem Körper steht. Ein erleuchtendes Erlebnis für Mvula, die nach der Lektüre zuerst einmal eine halbe Stunde nackt durch ihre Wohnung tanzte. Und genau für solche Momente sind jene beiden Stücke gemacht! Neben diesen beiden Knallern verfolgt die Künstlerin auch ihre kammermusikalische Pop-Musik, mit reichlich Streichern, Klavier und sanften Gesangsmelodien einer starken Stimme. Mal kommen diese zarter daher, manchmal grooviger, woran nicht zuletzt Schlagzeuger Troy Miller seinen Anteil haben können - oder Mvulas Grossmutter, die sich von ihrer Enkelin Musik wünschte, die den Geist belebt; das Gespräch ist sogar auf dem Album zu hören. «Sing to the Moon», das Debüt der Laura Mvula, agierte für sie noch als Kompromiss und verkaufte sich trotz toller Kompositionen vergleichsweise mau. Mit «The Dreaming Room» setzt sie ein Statement: ein Statement einer Sängerin, die stärker denn je hinter ihren Songs steht. Von dieser Frau werden wir noch viel hören. 9/10 Stoph Ruckli Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Ein amerikanischer Roadtrip: BIG THIEF - Masterpiece

Nehmen wir es gleich vorweg: «Masterpiece» ist nicht mehr und nicht weniger als eben das, was der Titel verspricht. Arroganz? Keineswegs. Eher entpuppt sich das Debut des Quartetts um Sängerin und Gitarristin Adrianne Lenker als ein Triumph der Bescheidenheit. Zwölf unwiderstehlich zwingende Indierock/Folk-Songs voll von persönlichen, intelligenten Geschichten und unvorhergesehenen, musikalischen Wendungen. Adrianne Lenker, Kopf des Vierers aus Brooklyn hat mit zwei feinen Americana-Platten schon vor einiger Zeit auf sich aufmerksam gemacht. Diese Wurzeln werden auch im Bandkontext deutlich, obschon das auf Saddle Creek erschienene «Masterpiece» insgesamt deutlich roher und rockiger daherkommt. Was aber macht diese Platte derart fesselnd? Schliesslich wird hier der Rock nicht neu erfunden. Es sind vielmehr die zahlreichen, kleinen Momente von flüchtig vorüberziehenden Empfindungen und die ehrliche Intimität, die zwischen dissonanten Gitarren, scheppernden Drums und zerbrechlicher Melancholie mitten ins Herz treffen. Es ist gewissermassen ein amerikanischer Roadtrip zu allen Facetten der menschlichen Befindlichkeit. In dem Sinne fühlt man sich etwas an Springsteens Grosstat «Nebraska» erinnert. Nur verzichten Big Thief auf eine romantisierende Betrachtung der Arbeiterklasse, auf Nostalgie und Tränendrüse. Stattdessen demonstrieren Adrianne Lenker und ihre Jungs eine Zähigkeit und Stärke, die in Zeiten in welchen die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, gerade recht kommt. 9/10 Kaspar Hunziker Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Ausserordentliche Popkunst: METRONOMY - Summer 08

Indieelektropop bedeutet für nicht wenige eine Schlaftablettenmarke. Doch das Klischee des gefälligen Gedüdel von so bleichen wie musikalisch uninteressanten Nerds greift bei «Summer 08», dem durchgeknallten sechsten Album von Metronomy, sowas von ins Leere. Hier gibt's grosse Popkunst! Ein gewagter, doch extrem gelungener Spagat zwischen Coolness und Hibbeligkeit, Sperrigkeit und Eingängkeit zieht sich durch die ganze Platte. Offensichtlich hat die Band einen exzellenten Geschmack und bedient sich so keck wie erfreulich in der Platinumetage der experimentellen Popmusik, besonders der um 1980. Bald schon sind Spuren von Kraftwerk, Bowie, Tom Tom Club, Gary Numan und Japan auszumachen. Dann aber stibitzen sie ganz unelitär auch mal eine Synthbass Hooklinie aus Billy Oceans Übermainstreamhit «When The Going Gets Tough» aus der dunkelsten Seite des 80er Jahre Ramschpop. Und es klingt trotzdem gross! Das will auch erst mal hingekriegt werden. Apropos Bass und experimentelle Popmusik: «Mick Slow» mit seinem bundlosen Bass und dem geflöteten Synthesizer scheint ein Tribut an die bereits erwähnte Vorzeigekunstpopband Japan und deren grandiosen Bassisten Mick Karn zu sein. Spätestens jetzt ist endgültig entschieden, diese Band weiss was gut ist und was sie tut. Der «Summer 08» ist ein etwas unterkühlter, doch ist das klar Programm. Souverän wurde hier ein Vibe mit Klangbild konstruiert, welches bei notwendiger (!) Hörhingabe die Zeit fasziniert stehen lässt. Metronomys Vorgängeralben waren noch etwas auf der Suche. Nun scheinen sie angekommen sein, in der Platinumetage der grossen Popmusik. Also Obacht: Genie bei Arbeit! 10/10 Marc Flury Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Eine Brennpunktreportage als Musikalbum: PJ HARVEY - The Hope Six Demolition Project

Polly Jean Harvey nannte sich einst unpolitisch, weil sie es sich zugestand, zuwenig zu wissen. Nun veröffentlicht sie nach «Let England Shake» das zweite politische Album in Folge und spannt dabei den Bogen noch weiter, nämlich global. «The Hope Six Demolition Project» ist etwas viel Besseres als ein sensationelles Knalleralbum: es ist ein wichtiges Album. Aus Reisen nach Washington DC, Afghanistan, in den Kosovo und den Fotografien sowie Tagebucheinträgen darüber entstand ein dokumentarisches Album, welches die üblichen Gewissensprediger mit ihren Pauschalslogans aus den Elfenbeintürmen des Showbiz gehörig in die Schranken weist. Doch die Priorität des Inhalts vor der Form macht die Beurteilung einer Musikschallplatte natürlich nicht leicht. Denn wenn Kunst politisch wird im Sinne von beobachtend beschreibend und dabei kaum wertet, woran misst man ihr Gelingen? Die Musik auf «The Hope Six Demolition Project» ist so überwältigend nicht, doch ist das überhaupt ihre Absicht? PJ Harvey reisst keine neuen Bäume aus. Sie ist eine herausragende Songschreiberin und vertraut auf ihre Stärken. Die Songs haben klar umrissene Popstrukturen, auch wenn sich das eine oder andere popfremde Instrument einschleicht. Die Musik spielt hier als sorgfältigst geschaffene Trägerin nur die zweite Geige zu einer übergeordneten Idee. Die Texte nämlich sind von anderem Kaliber. Es sind Fragmente und Assoziationen von Eindrücken, welche uns bei solchen Reisezielen alle auch überkämen. Doch schreiben wir sie jenseits von betroffenen Facebook Einträgen nieder? Noch unwahrscheinlicherweise machen wir ein Stück Kunst wie Musikalbum daraus. Tut dies jemand, vielleicht gar eine Prominenz, was erwarten wir dann davon? Solange es keinen weiteren Anspruch stellt, entzieht sich seiner Subjektivität wegen ein solches Werk jeder negativen Kritik. Es bleibt die Wahl zwischen Zustimmung und Ablehnung. Festgehalten sei, dass «The Hope Six Demolition Project» unspektakulär gute Musik ist. Wichtiger und ausgezeichnet gelungen ist die Idee dahinter. Popmusik hat seine ursprüngliche gesellschaftliche Bedeutung schon vor Dekaden verloren. Die Öffentlichkeit mit Musik zu belästigen, gelingt PJ Harvey hier im besten Sinne. Sie sagt, was zu sagen ist. Eine Brennpunktreportage als Musikalbum: je länger je mehr sind solche Platten gegen die grassierende Unverbindlichkeit in der Populärmusik zurück zu wünschen. 10/10 Marc Flury Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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So kann eine Platte, die den Berg im Titel trägt, beginnen: DJ SHADOW - The Mountain Will Fall

Der 60'000-and-counting-Platten-Nerd schlechthin ist zurück! DJ Shadow präsentiert nach fünf Jahren sein sechstes Werk «The Mountain Will Fall». Ein erwartungsvolles Stück Musik für Hip-Hop-Fans, bestehend aus Synthesizer und Splitter-Beats. Ob das den Berg zu Fall bringt? «Hi», grüsst das Stimmsample und schon ist man mitten drin im Titeltrack der Platte. Verschiedene Samples von Dario Baldan Bembos Stück «Prima Alba» werden von Josh Davis - so DJ Shadows bürgerliche Name - in feinster Hip-Hop-Manier mit Beats und Sounds untermalt, ein Instrumental als Reiseauftakt erster Güte. So kann eine Platte, die den Berg im Titel trägt, beginnen - eine Reminiszenz an Davis' Synthesizerliebe sei hierbei dahingestellt. Doch noch während man im Italo-Flow badet, kündet ein Kassettenwechsel den Folgetrack an: Flatwound-Bass-Beat, Wüstengitarre und Run The Jewels-Rap: «Nobody Speak» ist ein Highlight; so dürfte es weitergehen. Tut es aber nicht: Die Folgestücke sind zu einem Grossteil von elektronisch-experimenteller Natur geprägt, Schwung will nicht so wirklich aufkommen. Trotzdem oder gerade deswegen haben sie aber ihre spannende Berechtigung, ist das Album laut seinem Schöpfer doch als eine Art Reise gedacht. Und treffender kann man das Fazit nicht ziehen, als mit den getwitterten Worten des DJ Shadow selbst: «Es ist wie im Basecamp, von wo aus man zu einem unbesteigbaren Berg aufschaut: du solltest dich nicht mit Schwierigkeiten befassen, sondern musst diese Reise einfach antreten». 7/10 Stoph Ruckli Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Was will so ein Megamusiker noch erreichen: JACOB COLLIER - In My Room

Gerade mal 22 Jahre alt, aber bereits ein Meister der Instrumente: Jacob Collier ist die Musiksensation der Generation Youtube. Mit seinen Arrangements begeistert er nicht nur das Volk, sondern auch die ganz Grossen - ein Versprechen für die Zukunft? Begonnen hat alles in einem winzig kleinen Zimmerchen in London. Klein-Collier wünschte sich von Beginn weg zu Weihnachten nichts anderes als Instrumente. So wuchs das Arsenal, inzwischen ist der Raum vollgestopft mit Gitarren, Geigen, Flöten, einem Kontrabass, Perkussionsinstrumenten, Mikrofonen, Computer und vielem mehr. Von hier aus produzierte Collier verrückte Covers von Songs wie «The Flintstones» oder Stevie Wonders « Don't You Worry 'Bout A Thing». Herausstechend das musikalische Talent des jungen Briten, seine Arrangierfähigkeiten, die Kompositionen. Eine Erklärung gibt es dafür höchstens in der Familie: Als Sohn von Profimusikern, der laut eigenen Angaben täglich mit seinen Schwestern Bach-Choräle sang, scheint er zumindest die Gene mitbekommen zu haben. Diese zu wecken und fördern ist eine andere Geschichte, die Collier mit scheinbarer Mühelosigkeit schrieb. 2014 wurde der grosse Quincy Jones auf ihn aufmerksam und seither ging's schnell: Auftritte mit Snarky Puppy oder Chick Corea auf der ganzen Welt und die Veröffentlichung einer Platte folgten. Letztere heisst «In My Room» und wurde - für Collier selbstverständlich - im Zimmerchen des Briten aufgenommen. Darauf sind neben seinen oben genannten Youtube-Hits auch neue Kompositionen zu finden, die üppig und ausgeklügelt klingen. Manchmal können diese Harmonie-Attacken anstrengend, sprich überfüllt wirken; eine Platte für den Hintergrund oder eine Party ist das nicht. Eher ein vielschichtiges Jazzwerk, das Colliers Talent repräsentiert, durch sein Rhythmus- und Melodiengefühl beeindruckt. Stellt sich nur die Frage: Was kommt danach? Was will so ein Megamusiker noch erreichen? Eine Frage, die Quincy Jones und Co. angehen dürfen - nicht, dass sich Jacob Collier dann wieder in sein Zimmer verkriecht und verschwindet. Wobei: Youtube vergisst bekanntlich nie. Vielleicht macht das die Musik des Briten so unbeschwert. Bewertung: 9/10 Stoph Ruckli Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Nach dem ersten Hörgang herrscht da erst einmal Verwirrung: RED HOT CHILI PEPPERS - The Getaway

Neuer Produzent, neues Glück? Das scheinen sich die Chili Peppers gefragt zu haben. Nach 25 Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit mit Rick Rubin sitzt neu Danger Mouse im Regiesessel. Weg vom Rock, hin zum Pop lautet die neue Devise. Nach dem ersten Hörgang herrscht da erst einmal Verwirrung. Auf der einen Seite präsentieren sich die Red Hot Chili Peppers so jung und vital wie schon lange nicht mehr. Man könnte meinen, die Herren Flea und Kiedis möchten am liebsten immer Teenies bleiben, obwohl sie die 50 bereits überschritten haben. Auf der anderen Seite wirkt das neue Werk der Amerikaner derart poppig und teilweise etwas schmachtig, man fragt sich, ob die Chili Peppers eine ruhigere Kugel schieben wollen. Klangen die Produktionen von Rick Rubin selbst in den sanftesten Momenten roh und catchy, bietet Danger Mouse wesentlich nachbearbeitete, rundere Werke. Und auch wenn dort Flea fleissig slappt, Smith kräftig trommelt, Klinghoffer brav groovt und Kiedis rap-singt, klingt der Sound ungewohnt. Doch genau das war eigentlich das Ziel: sich neu zu erfinden und zu überraschen. Was zu Teilen gelingt. Verantwortlich hierfür sind nicht zuletzt der grosszügige Keyboard-Einsatz und allerlei Elektronik-Schnickschnack. Von clubbig über funky zu Indie-Rock und plötzlichen 10/4-Einfällen («Dreams of a Samurai») präsentiert sich die Band auf jeden Fall so abwechslungsreich wie lange nicht mehr. Dabei ist kein Song ein Totalausfall, aber ein Prachtstück lässt sich nicht wirklich finden - das ist also weder gut noch schlecht. Bleibt im Endeffekt zu hoffen, dass es Kiedis schafft, seine zahlreichen Gesangslinien live ohne allzu grosse Misstöne durchzuziehen. Dann wird's ein guter Sommer für die Red Hot Chili Peppers. 7/10 Stoph Ruckli Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Einer der spannendsten Bands der Gegenwart: WILCO im Volkshaus

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Das ist nicht nur für Männerrunden: THE COMPANY OF MEN - I Prefer The Company Of Men

From Lausanne, Switzerland. Spätestens seit diesem Brett von Favez-Album trägt Lausanne den Ruf Rock-Capital Helvetiens zu sein. Zugegeben, in den letzten Jahren wurde es etwas ruhiger. Doch jetzt das: Ohne grosses Brimborium hat sich hier eine Gruppe von Männern zusammengetan, die allesamt (West)Schweizer Rockgeschichte geschrieben haben. Mit bewundernswerter Gelassenheit widmen sie sich nun den sanfteren Seiten des Rock und intimem Folk. Favez , Chewy , Rosqo oder Yellow Teeth . Diese Namen zergehen Fans gepflegter, heimischer Rockmusik wie Craftbeer auf der Zunge. Nun also entstand daraus quasi eine - Achtung! Unwort - Supergroup. Zwischen gemütlichen Sommerabenden am Léman , geselligen Bierrunden in der Kneipe und entspannten Proben im Wohnzimmer entstand ein Album, welches dem etwas lahmenden Adult Rock mal eben den Staub von den Schultern klopft. Die lauten Gitarren mussten dabei zu Gunsten der leiseren Töne über die Klinge springen. Wir kennen und lieben das schon so ähnlich von Favez-Kopf Chris Wickys Zweitband The Sad Riders . The Company Of Men versuchen gar nicht erst, irgendetwas neu zu erfinden. Vielmehr stimmen sie einmal mehr die unvergänglichen Motive des menschlichen Daseins an: Melancholie, Liebe und Tragik, Abschied und Neuanfang. Bei Herren welche schon Alben mit «Gentlemen Start Your Engines » betitelten und Steve McQueen musikalisch huldigten, dürfen natürlich auch Motoren nicht fehlen. So wird denn im flott dahin galoppierenden «Francois Cevert » gleich einer ganzen Reihe verstorbener Rennfahrer gedacht. Dies alles geschieht mit so viel Finesse und Wahrheit, dass «I Prefer The Company Of Men» als reifes und souveränes Werk noch lange in Erinnerung bleiben wird. Ach ja der Albumtitel. Ironie. Das ist nicht nur für Männerrunden. 8/10 Kaspar Hunziker Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Moderne Soul- und Funkgrooves: CHARLES BRADLEY - Changes

Vom Küchenchef zum «Screaming Eagle of Soul»: Charles Bradleys Karriere ist die modern-modifizierte Musikgeschichte vom Tellerwäscher. Doch wie schlägt sich dieser nach fünf Jahren amerikanischer Traum auf dem dritten Album «Changes»? 2011 hiess es «Why is it so hard to make it in America», fünf Jahre später ist Charles Bradley bei «God bless America» angekommen. So eröffnet er seine neue Platte «Changes», mit reichlich Gospel und Kitsch. Musikalisch ist das solide Soul-Kost, besonders heiss die Band, primär bestehend aus Mitgliedern der Budo Band, der Menahan Street Band und den Dap Kings: Wer auf moderne Soul- und Funkgrooves steht, der sollte diese Gruppen unbedingt auschecken. Das ist in gewissen Momenten so cool, man wünscht sich eine Instrumentalversion des Albums. Bradley hingegen entspricht dieser Coolness weniger stark (aber das darf ein 67-jähriger Gentleman gelegentlich mal tun). Auch auf der dritten Platte schreit und schwitzt der Amerikaner, lässt sein einzigartiges Stimmorgan von Liebe, Liebe und nochmals Liebe erzählen. Stimmphrasierung oder Dynamik scheinen da grundsätzlich nicht so wichtig, was zuweilen anstrengend wirkt. Der triefende Pathos grenzt zudem an Penetranz, zumal die patriotischen Aspekte (siehe Eingangszitat) nicht so recht zum Soul passen wollen, welcher schliesslich immer auch für die schwarze Protestbewegung miteinstand. Ironischerweise verkommt gerade das Titelstück und Black Sabbath-Cover «Changes» zu einem Höhepunkt, der sowohl Bradleys Faveur gegenüber der Schreikunst als auch seine persönlichen Schmerz über den Tod seiner Mutter zentralisiert und dieses Fünkchen Echtheit enthält, das auf dem Album gelegentlich fehlt. Da der Sänger aber zukünftig stärker auf den rohen Blues abzielen möchte, könnte die kommende Scheibe noch einen weiteren  Schritt nach vorne bedeuten - und das Musikmärchen fortführen. 7/10 Stoph Ruckli Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Weniger wäre mehr gewesen: RICHARD ASHCROFT - These People

Der einstige Mastermind von The Verve nimmt einen weiteren Anlauf, um an vergangene Grosstaten anzuknüpfen. Das gelingt ihm auf seiner vierten Soloplatte besser als auch schon. In den guten Momenten erinnert «These People» explizit an den Geist von «Urban Hymns». Leider gibt es aber auch den einen oder anderen grauenvollen Schnitzer zu beklagen . Blenden wir kurz zurück: Als 1997 «Urban Hymns» erschien, hatte der Britpop seinen Zenit überschritten. Besagtes Album von Richard Ashcroft und seinen Mitstreitern schien dem Genre nochmals neue Impulse zu geben. Zwei Jahre später war jedoch Schluss. Der als schwierig geltende Kopf von The Verve machte solo weiter. Weder kommerziell noch künstlerisch konnte er jedoch je an die Zeiten mit seiner Stammband anknüpfen. Zwar liessen einzelne Songs immer wieder seine Songwriter-Qualitäten aufblitzen, aber ein Albumkünstler wurde er nicht. Das ändert sich auch mit «These People» nicht. Der Opener «Out of my body» ist Synthie-Disco-Pop der übelsten Sorte und gehört auf direktem Weg in die Tonne. Das gilt notabene auch für das Coverfoto. Ganz anders dann das folgende «This is how it feels», welches direkt den Aufnahmesessions zum 97er Wunderwerk entsprungen sein könnte. Wunderbar geraten ist auch «They don't own me», ein überzeugender, schonungslos offener Song, welcher klar macht: Dieser Mann hadert mit sich und der Welt. Das rechtfertigt jedoch noch lange nicht den zweiten Fauxpas des Albums: dieser grauenvolle 'Pet Shop Boys' Verschnitt namens «Hold on». Ist das eine zynische musikalische Rache an den Kritikern, die mit dem Mann in der Vergangenheit oftmals ziemlich harsch ins Gericht gingen? Das ist 2016 nicht nötig, denn insgesamt scheint Ashcroft den Tritt wieder gefunden zu haben und für die Härtefälle gibt es ja zum Glück die Skiptaste. Fazit: Weniger wäre mehr gewesen: Ein Extrakt der fünf besten Songs daraus hätte eine prime EP abgegeben. 6/10 Kaspar Hunziker Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier:  www.piratenradio.ch

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Nimmt einen mehr und mehr gefangen: RADIOHEAD - A Moon Shaped Pool

Innovatoren & Aussenseiter, Trendsetter & Eigenbrötler, Rocker & Elektroniker, vergöttert & strikt abgelehnt: Radiohead sind im „Young Person's Guide to Modern Pop Music“ als Synonym für „Fisch und Vogel aber doch beides nicht“ zu entnehmen. Die hohen Wellen schlagen sie auch nicht mit Drogenskandalen und Flugzeugrandale. Nein, sie ziehen einfach den Stecker aus all ihren Onlinepräsenzen. Und das reicht schon für konfuse Aufmerksamkeit von Allenthalben her. Vielleicht ist dieser so-leisest-wie-mögliche Promostunt das Klügste, was eine so hochprofilierte Band für ihr neues Album machen kann. So kann es sich ganz ohne Vorabhype scheu aber bestimmt an der Türe vorstellen. Scheu aber bestimmt klingt es denn auch. Grosse Exzesse sind kaum auszumachen, auch ähneln sich alle Songs doch sehr. „A Moon Shaped Pool“ verlangt zweidreimaliges Hören, bis sich seine architektonische Qualität erschliesst. Diese perfekt aufeinander abgestimmten Schichtungen wollen nämlich erhört werden. „Keine Exzesse“ bedeutet also nicht etwa Langeweile, sondern wohlüberlegte Komposition. Was erst nur als ganz angenehmes Hören unterhält, nimmt einen mehr und mehr gefangen. Das Album will nicht von sich aus gefallen. Es ist nur da. Wartet. Vor der Tür. Scheu, aber bestimmt. Herausgehoben werden sollen „Full Stop“ mit seiner unterschwelligen, treibenden Manie und das trotz seiner reichen Instrumentierung unterkühlte „The Numbers“ mit seinem Flair eines frühen Pink Floyd Filmsoundtracks. 9/10 Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier:  www.piratenradio.ch

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Brüllende Psychedelik und Showzeiten von durchschnittlich zweieinhalb Stunden: MOTORPSYCHO in Fri-Son

27 Jahre! Solange sind Motorpsycho bereits unterwegs. Diese Reise pflastern mindestens eben soviele Alben, EPs und Stilspielereien. Im Herzen eine klassische Rockband, meistern Motorpsycho ebenso Jazz, Country und Metal. Mit den völlig durchgeknallten Alben „The Death Defying Unicorn“ (2012) und „En Konsert For Folk Fest“ (2015) vereinten sie das alles gar noch mit zeitgenössischer Klassik und norwegischer Volksmusik, Geigen und Chöre inklusive. Auf der aktuellen Platte „Here Be Monsters“ zeigen sie sich nun von ihrer ruhigeren Seite. Die laufende Tour hat aber schon klargemacht, dass auch dies nur eine Facette ist. Die Monster werden live nach wie vor beschworen: Kaum eine andere Band beherrscht Spielrausch, extreme Dynamik und Risikolust wie diese drei Norweger. Repetition ist bekanntlich der Tod der Kunst. So ändern sie jeden Abend die Setliste um tighte Jams, entspannende Liedchen und brüllende Psychedelik und das für Showzeiten von durchschnittlich zweieinhalb Stunden! Wer mit Erfahrung ihre Gigs besucht, tut es im Wissen, dass es überbordernd und faszinierend sein wird und hat doch jedesmal keine Ahnung, was genau zu erwarten ist. Nur dass die Mannen eine sensationelle Liveband sind, falls sie es nicht sogar als das Mass aller Livedinge für alle Bands definieren. Ein Motorpsycho Konzert ist auf jeden Fall immer ein so berauschendes wie bereicherndes Erlebnis. LIVE: Freitag 6.5.2016 Fribourg, Fri-Son (support „Puts Marie“ aus Biel/CH) Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Klangwelten von grandioser Schönheit: EXPLOSIONS IN THE SKY - Wilderness

Die texanischen Instrumental-Rocker melden sich mit einem ambitionierten Werk zurück. «Wilderness» entpuppt sich als dunkler Brocken, der seine Zeit braucht bevor er sich so richtig entfaltet. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem epischen Werk, ja dem vielleicht besten seit 13 Jahren und «The Earth is not a Cold Dead Place» belohnt Es ist so eine Sache mit den Genre-Schubladen: Wenn von Post Rock die Rede ist, dann fällt meist eher früher denn später der Name von Explosions In The Sky. Dabei sehen die Texaner sich einfach als Rockband ohne Sänger, Punkt. Tatsächlich erreichen sie auch nur selten die musikalische Dichte von Mogwai oder die epische Breite von Godspeed you! Black Emperor. Das ist nun durchaus nicht negativ gemeint sondern will heissen, dass Explosions In The Sky cineastische Klangwelten von grandioser Schönheit erschaffen ohne den Hörer allzu sehr zu fordern. Auch «Wilderness» lebt stark von der wohlbekannten laut-leise-Dynamik, ist aber schwerere Kost. Zwischen sanften Pianoklängen und Ambient à la Brian Eno stampfen Industrial-Beats und man startet wilde Ausflüge in Math Rock-Gefilde. Manchmal reicht für das Vermengen all dieser Zutaten ein einzelner Song, wie etwa das grossartige Colours in Space, welches in einer Art akustischer Reminiszenz an Hitchcocks Psycho mündet. Da ist man zum Ende froh um die versöhnlichen Klänge von «Landing Cliffs». Post Rock? Post Rock! Sorry, aber die schreibende Zunft braucht nun mal Schubladen. 8/10 Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Solche Songs schreiben und spielen sich nur mit gehörigen Narben: HODJA - Halos

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Das ist alles nicht neu, aber gut: ANDERSON .PAAK - Malibu

Ist einmal ein Trend entstanden, dauert es nicht lange, bis die Nachahmer folgen. Anderson. Paak vereint gleich mehrere Trends. Und sein Zweitling «Malibu» liefert den gelungenen Soundtrack zu dieser Kopierorgie. Anderson .Paak kam in der Kirche mit dem Schlagzeug in Berührung und setzte früh auf die Karte Musik. Sein Geld verdiente Paak aber vor allem auf einer Marihuana-Farm, bis er nach der Entlassung auf der Strasse stand - inklusive Frau und Kind. Die Hip-Hop-Gruppe Sa-Ra nahm ihn daraufhin unter ihre Fittiche, was der Karriere einen Push gab. Nach dem Wirken als Sessiondrummer bei einem American Idol-Teilnehmer veröffentlichte er sein Debütalbum «Venice», woraufhin ein gewisser Dr. Dre aufmerksam wurde und den Afro-Koreaner massgeblich beim Produktionsprozess von «Compton» miteinbezog. Damit war für Paak auch der Weg für «Malibu» gebahnt. «Malibu» ist eine Platte, die einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterlässt. Sie kopiert  Kendrick Lamar, D'Angelo, Kamasi Washington und weitere Trendsetter der Black Music sowie des Neo Soul derart offensichtlich, dass es fast ein wenig peinlich wirkt  - man achte sich nur auf den Echo-Schrei à la Lamar. Andererseits bestand die heutige Pop-Musik schon immer auch aus der Kombination von Einflüssen. Und da hat Paak ganze Arbeit geleistet. Neben Features von Stars wie Madlib, Tokimonsta oder Hiatus Kaiyotes Nai Palm (um nur einige zu nennen) glänzt die Platte mit dicken Basslinien, groovenden Drums und ordentlichen Neo-Soul-Anleihen; «Am I Wrong» ist sogar ein veritabler Disco-Hit! Fazit: Das ist alles nicht neu, aber gut. Wenn Paak es schafft, hier seine eigene Note noch stärker einzubringen, steht der nächste Star bereit. 8/10 Stoph Ruckli Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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"Ich bin dann mal weg, dort wo die Menschen Menschen sind": IGGY POP – Post Pop Depression

Es begann mit einem unverbindlichen SMS und endete in einer sensationellen Kollaboration. Im Geheimen von Januar bis März 2016 produziert, erscheint aus dem Nichts das neue Album von Iggy Pop, unterstützt von Josh Homme und Dean Fertita von den Queens Of The Stone Age sowie Matt Helders von den Arctic Monkeys. Eine spannende aber noch unterschätzte Tatsache in der Populärmusik ist, dass wir uns zum ersten Mal in einer Zeit befinden, in welcher sie nicht mehr nur von Mittzwanzigern gemacht wird. Popmusik war lange die Bastion der Jugend gegen das Establishment der Erwachsenen. Alternde Rocker waren gar nie vorgesehen. Was aber wenn eine Anti-Establishment Ikone wie Iggy Pop in die Jahre kommt? Was hat er denn noch zu sagen? Nun, er hat ein ganzes Leben zu erzählen. Ein Leben eines Iggy Pop noch dazu! Der auch nicht mehr ganz so junge Josh Homme hat mit dem letzten Queens of the Stone Age Album „...Like Clockwork“ selber sein gereiftes, sprich introspektives Album gemacht. Diesen Weg scheint er nun Hand in Hand mit Iggy Pop weiter zu gehen. Sein Input ist auf „Post Pop Depression“ klar auszumachen. Vom Klangbild bis zur Melodieführung schien er die Regie übernommen zu haben. Es sei auch auf eine oft übersehene Homme-Qualität verwiesen: sein exzellentes Basspiel. Er groovt auf den Punkt, aber doch seltsam in seiner ihm ureigenen Polka beeinflussten Hibbeligkeit. „Post Pop Depression“ dreht sich um existenzialistische Fragen alter Männer. Iggy Pop ist 68 und blickt auf ein selbst für Rock'n'Roll Verhältnisse hoch bewegtes Leben zurück. Er war zuoberst und zuunterst. Doch ist hier kein Speuz an Altherrengejammer auszumachen. Cool, sexy, souverän und witzig gerät diese Platte zu einer tiefschürfenden Kapriole. Die Songqualität steht eh ausser Frage und einen oder zwei über den Durst getrunken haben sie gewiss beim launigen „Sunday“. Ein Highlight mit wackelnden Hintern, herrlich zynischem Text und überkandidelten Damenchören. Der Humor ist ebenfalls präsent bei „German Days“. Zum Songtitel wohlgewählt steifzackige Riffs begleiten vermutlich Iggys Erinnerungen an seine Jahre in Berlin. „Gardenia“ ist ein unwiderstehlicher Ohrwurm, der über den Titel eine Referenz an Kyuss sein mag, vom Charakter her jedoch an die besten David Bowie Songs erinnert. Ach ja Bowie...: „American Valhalla“ reizt kurz mit „China Girl“ und wandelt sich dann zu einer dunklen Elegie über das Ende des Weges und was an selbem übrig bleibt. In der Voraussetzung ähnlich aber wütend abrechnend kommt der Abschlussong „Paraguay“ daher. Als letztes Statement auf dem Album explodiert Iggys grundehrliche Attitüde: „Verängstigte Trottel, Ihr macht mich krank mit euren Laptops, die ihr nur zum anyonymen Gift und Galle Versprühen verwendet! Ich bin dann mal weg, dort wo die Menschen Menschen sind.“ Iggy meint, er interessiere sich mittlerweile für den Himmel, die Wolken, das Sein an sich und nicht mehr an das Gewürge, Gekämpfe und alles Habenwollen. Es könne also sein letztes Album sein. Das wäre ein Abtritt von ganz oben. Welchen wir alle anstreben mögen. 10/10 Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Unersetzlich, wunderschön und nicht mehr wegzudenken aus der Schweizer Poplandschaft: AL PRIDE - Hallavara

Baden ist ein Musikgourmet-Mekka. Verantwortlich für diese Betitelung wären beispielsweise das One Of A Million Festival. Und Al Pride, die mit «Hallavara» das bisher beste Schweizer Pop-Album des Jahres geschaffen haben. Wer schon einmal am OOAM-Festival war, weiss, dass das aargauische Baden mit dem ehemaligen Kino Royal eines der schönsten Kulturlokale weltweit besitzt, das aber im Juni 2016 weg muss. Dabei sind in dessen Umkreis zahlreiche grossartige Bands entstanden. Eine deren besten, namentlich Al Pride, hat kürzlich ihr neues Album «Hallavara» veröffentlicht. Hallavara ist eine schwedische Ortschaft, wo die Gruppe im Haus von Skilegende Bernhard Russi am neuen Album arbeitete. Das kreative Klima Skandinaviens scheint den Schweizern dabei gut getan zu haben: Die neue Platte ist eine popmusikalische Wucht. Spannend an Al Pride ist, dass die Songs nach Radiomusik klingen – Radiomusik, die man wirklich im Radio hören möchte. Immer und immer wieder. Der Sound pendelt zwischen Tarantino-Atmosphäre, Sommerabend-Charme und Folk-Schwelgereien. Fette Bläser sowie dicke Fuzz-Gitarren sorgen zusätzlich für die nötige Prise Härte. Überhaupt ist die Vielfalt von Al Pride gewaltig; gar entdeckt man zwischen Vintage-Hammond-Orgeln und Future-Synthie-Pads noch eine Runde Hip-Hop-Drumming. Dabei schafft es die Truppe, einen faszinierend-präzisen Gesamtsound hinzukriegen. Man kommt nicht umhin: Was das Royal für Baden als Konzertort ist, ist «Hallavara» als Platte: Unersetzlich, wunderschön und nicht mehr wegzudenken aus der Schweizer Poplandschaft. Ready für den Weg nach ganz oben. Und ein dortiges Umdenken. 10/10 LIVE: 16.04. M4Music Zürich, 23.04.2016 Royal Baden Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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«Neues Weibliches Selbstbewusstsein»: SAVAGES - Adore Life

Das verflixte zweite Album. Doch wer hat bei den Savages wirklich gezweifelt? Das Debutalbum «Silence Yourself» macht gleich klar, dass hier eine ganz ausserordentliche Band zu Werke geht. «Adore Life» ist nichts weniger als der nächste Schritt auf demselben hohen Niveau. Savages stehen für kompromisslose Integrität, Originalität und nicht zuletzt für ein willkommenes Rollenbild für Frauen in der Populärmusik. Während andere «Neues Weibliches Selbstbewusstsein» mit Wegwerfpop und aufgesetzt frechem Hinternwackeln inszenieren (und Hintermänner die Strippen ziehen), bieten Savages wahrhaftige Substanz in voller Kontrolle über ihr Tun. Denn dies ist Rockmusik als Statement und so verkaufen sie ihren Postpunk auch nicht als retromanische Klangfarbe. Savages wissen, wofür Siouxsie & The Banshees und Suicide standen. Sie wissen, wo und wie sich Pop und Kunst bereichern. Sie wissen, wie und wozu sich der scharfe Schneid des 1980er Postpunk heute nutzen lässt. Savages haben etwas mitzuteilen. Doch das wirklich Bemerkenswerte an «Adore Life» ist, dass falls der Opener «The Answer» solch Diskurse entfacht, diese gleich wieder wegfegt. Lasst Drums und Gitarren sprechen. Die unerwehrbar rollenden Grooves von Ayse Hassan und Faye Milton, die so bissige wie psychedelisch anmutende Gitarre Gemma Thompsons und Jehnny Beths bestimmende Überpräsenz transformieren, was oberflächlich erst als wütender Punkrock erscheint, in eine vielschichtige trippige Intensität. Und wer diese Band live erlebt hat, vergisst das nie. 10/10 LIVE: 15.3.16. im Dynamo Zürich präsentiert von Piratenradio.ch Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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Es müssen Geschichten erzählt, Verluste verarbeitet und Sinne gefunden werden: SUEDE - Night Thoughts

Suede scheuten nie das Drama. «Night Thoughts» soll denn auch als Gesamtwerk verstanden werden, inklusive begleitenden Film. Die Themen sind so Nebensächlichkeiten wie Leben, Tod, Liebe, Ängste und Verzweiflung. Grosses Theater also, und es funktioniert. Englische Rockmusik ist für seine Exzentrik bekannt. Suede setzen mit ihrem neuen Album gleich noch einen drauf. Die Songs sind hymnisch angelegt, zittern und klagen mit und von Vorstadtnervösität. Sänger Brett Anderson versteckt sich nicht hinter britischer Coolness. Es müssen Geschichten erzählt, Verluste verarbeitet und Sinne gefunden werden. Dazu passen die cinemaskopische Produktion, die lamentierenden Streicher, die weitgezogenen Refrains. Es sei kein Konzeptalbum, sagt Anderson. Er wünscht sich aber, dass das Album als Ganzes gehört wird. Unabgelenkt sich darin verlierend. Wie früher, als gar keiner überhaupt auf die Idee kam, auf sowas hinweisen zu müssen. Dies fällt leicht. Denn trotz der pathetisch erscheinenden Prämisse besteht «Night Thoughts» nicht aus existentalistischem oder gar sperrigem Klanggemüse, sondern aus 12 eingängigen Songs. Eingängig im guten Sinne. Nämlich nicht gefällig, sondern meisterhaft komponiert und ausgeführt. Ja es wird auch kitschig hie und da, doch ist das eine unabdingbare Zutat in der hier inszenierten Exzentrik. Nicht weiter verwunderlich schimmert stellenweise ein Hauch englischen 70er Glamrocks hindurch. Verweise zu Bowie oder Eno sind leicht auszumachen, was natürlich für Suede spricht. «Night Thoughts» ist moderne und relevante Popmusik. Kein Spektakel, doch tut es gerade bei all den in der Populärkunst gedankenlos rumgeworfenen Superlativen und Hypes und Sensationen auch mal wohl, einfach eine richtig gute Platte zu hören. 8/10 Weitere Plattenkritiken, Konzertvorschauen und Verlosungen findet ihr hier: www.piratenradio.ch

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