Institut Zukunft

Institut Zukunft

Institut Zukunft

Free
Ort Zürich
Gegründet 2015
Follower 1
«Abhängigkeiten widersprechen der Gleichheit»

«Abhängigkeiten widersprechen der Gleichheit»

Dass Arbeit immer mehr Menschen krank macht, findet die Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al Jabaji alarmierend. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen würde man in Zukunft nicht mehr fragen: Was ist dein Beruf? Sondern: Was ist deine Leidenschaft?Frau Hafner-Al Jabaji, wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen mit dem Islam vereinbar? Ich sehe zumindest nicht, wo die Idee einem islamischen Prinzip widerspricht. Daher wäre es durchaus spannend, das bedingungslose Grundeinkommen unter islamischen Wirtschaftstheorien weiter zu entwickeln. Im islamischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem gilt, dass jedem Menschen das zukommen soll, was er braucht. Wie dieser Balanceakt durch staatliche Vorgaben zu erreichen ist, ist nicht vor- gegeben.Gibt es gar keine Regeln? Doch. Wichtig ist, dass der Mensch nicht dauerhaft in Abhängigkeiten von anderen geraten soll. Abhängigkeiten widersprechen der Gleichheit der Menschen und machen sie unfrei. Jemand, der sich zum Beispiel so stark verschuldet, dass er sein ganzes Leben lang die Zinsen zurückzahlen muss, und aus der Schuldenspirale nicht herauskommt, lebt in Knechtschaft. Darum sind im islamischen Bankenwesen exorbitant hohe Zinsen verboten. Der Begriff von der Bedingungslosigkeit ist eher bei der Religion als beim Staat angesiedelt. Was verstehen Sie darunter? Religiös betrachtet ist Bedingungslosigkeit ein wichtiges Prinzip. Nach dem Koran verpflichtet sich Gott gegenüber dem Menschen einseitig und damit bedingungslos zu Barmherzigkeit. Ich kann unabhängig von Lebensführung und meinen Qualitäten auf dieses Versprechen bauen. Trotzdem auferlegt uns Gott, unser Leben nach seinen Bestimmungen zu führen. Darin steckt, dass wir uns trotz und nicht wegen der Gewissheit der Barmherzigkeit in diesem Leben anstrengen sollen.In der Religion spielt auch die Familie eine wichtige Rolle. Sie sind selber Mutter von drei Söhnen. Welchen Einfluss hätte ein bedingungsloses Grundeinkommen auf solche Gemeinschaften? In der Gemeinschaft könnte das einzelne Grundeinkommen zusammen eingesetzt werden. Das fördert die Debattierkultur, den Gemeinschaftssinn und die Verantwortung. Es schafft sicher auch flachere Hierarchien in der Familie oder einer Gruppe. «Wer zahlt, befiehlt» verändert sich zu «Wer mitzahlt, befiehlt mit». Könnte ein Grundeinkommen helfen, dass wir wieder mehr aufeinander achtgeben? Ja. Denn bei uns ist Arbeit umso höher angesehen, je besser sie entschädigt ist oder je stärker sie in der Öffentlichkeit vollzogen wird. Hingegen haben Leistungen, die im Privaten und im sozialen Bereich erbracht werden, einen vergleichsweise geringen Status. Ein weiteres Problem ist, dass wir Arbeit immer mit Erwerbsarbeit gleichsetzen. Der tatsächliche Nutzen, Sinn und Gewinn wie auch der Schaden, den eine Tätigkeit für eine Gesellschaft generiert, beides steht oft nicht in angemessenem Verhältnis zur Entlöhnung und zum Status.Was müsste auf diese Erkenntnis folgen? Wir sollten uns überlegen, was der Wert von Arbeit wirklich ist. Nicht bloss rein finanzökonomisch, sondern verknüpft mit Themen wie Nachhaltigkeit, Nutzen und Schaden für andere Menschen. Das wäre ein ganzheitlicher An- satz. Tätigkeiten, die in der Gemeinschaft grossen Nutzen bringen, würden vielleicht auch mehr Ansehen geniessen, beispielsweise in der Pflege oder in der Kinderbetreuung.Nach welchen Kriterien sollte die Höhe des Grundeinkommens festgelegt werden? Ich würde das Grundeinkommen an einen klar definierten Index knüpfen, zum Beispiel an jenen von Nahrungsmittelpreisen oder Lebenshaltungskosten. So könnte man den Betrag am gegenwärtigen Preisniveau ausrichten. Interessant ist natürlich auch die Frage, wer das Grundeinkommen bekommen soll. Jede Bürgerin und jeder Bürger ab 18? Kinder auch? Alle denselben Betrag oder abgestuft? Da gibt es viele Details zu bedenken.Wem würde ein Grundeinkommen am meisten nützen? Menschen, die in einer schwierigen Lebenssituation stecken. Zum Beispiel durch Scheidung, Tod eines Partners, Invalidität oder Verlust des Ar- beitsplatzes. Sie hätten weniger Stress, wenn es ein Grundeinkommen gäbe. Trotz ihrer misslichen Lage hätten sie jederzeit ein Mindestauskommen, um das sie sonst in solchen Situationen noch zusätzlich als Bittsteller auf Sozialämtern kämpfen müssten. Das frisst viel Energie. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen könnte man diese Energie schneller wieder auf konstruktive Dinge lenken.Menschen reagieren gegenüber der Idee eines bedingungslosen Grundein- kommens oft ablehnend. Haben Sie eine Idee, warum das so ist? Weil wir in einer individualistischen Gesellschaft leben, die stark auf Wettbewerb und Konkurrenz ausgerichtet ist. Die Idee, dass der Einzelne sein Leben selber bestimmen kann, hat auch dazu geführt, dass viel an Gemeinsinn verloren gegangen ist. Gerade in der Schweiz vermisse ich manchmal die kollektive Erinnerung an schlechte Zeiten, wie andere Länder sie kennen. Wir haben eine lange Zeit sehr gut gelebt, während es anderen Ländern in Europa schlechtging. Unser Wohlstand gibt jenen recht, die unser jetziges System für richtig und gut halten. Er geht aber auf Kosten des Gemeinsinnes, dessen Notwendigkeit viele von uns nie selbst erfahren haben.Als ich Sie fragte, ob Sie sich zum Grundeinkommen äussern wollen, ha- ben Sie sofort zugesagt. Warum? Für mich wäre ein Grundeinkommen ein Paradigmenwechsel zu unserem heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Kürzlich sah ich einen Tagesschau-Beitrag über arbeitsbedingte Krankheiten. In der Schweiz macht Arbeit offensichtlich immer mehr Menschen krank. Sogar junge Menschen sind davon betroffen. Das finde ich alarmierend. Muss man also das ganze Wirtschaftssystem ändern? Das wäre wohl ein Kraftakt. Als würde man die Titanic kurz vor dem Eisberg noch umlenken wollen. Ein Crash ist programmiert. Die Einführung eines Grundeinkommens hiesse aber, rechtzeitig die Rettungsboote hinunterzulassen, bevor wir den Eisberg rammen. Auch das ist nicht angenehm, aber die Chance, dass es gut herauskommt, ist grösser. Die Idee bedeutet auch, dass wir ein zentrales Element der Gesellschaft ganz anders gestalten, als wir es bisher gemacht haben, und damit einen Veränderungsprozess einleiten. Dieser könnte sich dann auch auf andere Ebenen von Wirtschaft und Gesellschaft auswirken.Das sichere Schiff verlassen wir aber meist nur, wenn wir dazu gezwungen werden. Wie würden Sie die Idee des Grundeinkommens bei den Menschen beliebt machen? In der Schweiz gibt es immer mehr Menschen mit kleinen Einkommen, die nicht lebenssichernd sind. Ich würde auf diese Menschen zugehen und ihnen klarmachen, was sich für sie als Individuen mit dem Grundeinkommen ändern würde. Ein Umdenken hat zum Glück ja bereits stattgefunden. Früher fragte man einander: Was würdest du machen, wenn du eine Million gewinnst? Heute fragt man: Was würdest du machen, wenn du ganz viel Zeit hättest? Sie haben zwei fast erwachsene Söhne und einen Sohn in der Primarschule. Würde ein Grundeinkommen ihren Start in ein selbständiges Leben er- leichtern? Ja. Heute müssen sie sich ständig fragen, ob das, was sie lernen, später auch ihr finanzielles Auskommen sichern wird. Es gibt heute Löhne, mit denen man keine Familie durchbringen kann. Mit einem Grundeinkommen könnten meine Söhne sich sofort stärker auf ihre Träume, Ziele und Fähigkeiten konzentrieren. So würde man in Zukunft nicht mehr fragen: Was ist dein Beruf? Sondern: Was ist deine Leidenschaft? Amira Hafner-Al Jabaji ist Mitbegründerin des «Interreligiösen Think-Tanks» und Moderatorin der Sendung Sternstunde Religion im Schweizer Fernsehen SRF. Für ihr langjähriges Engagement für den Dialog zwischen den Religionen wurde sie 2011 mit dem Anna-Göldi-Preis ausgezeichnet. Das Interview führte Nadja Schnetzler für eine Sondernummer der Zeitschrift «bref».Fotos: Laurent Burst.